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Nur Hippies lesen…!

16. August 2012

Weshalb liest man im 21. Jahrhundert eigentlich noch Bücher?
Es gibt schließlich viel praktischere Medienkomsummethoden, die darüberhinaus noch den vermeintlichen Vorteil eröffnen, den angeforderten Inhalt in exorbitant kürzerer Zeit hinter die Hirnrinde der Rezipienten zu kippen: Filme. Blurays, DVDs, VHS Kassetten – Herrgott, meinetwegen auch Laserdiscs. Ein weiterer, nicht ausser Acht zu lassender Pluspunkt, ist die damit einhergehende, grundsätzlich vorhandene Arbeitslosigkeit der eigenen Extremitäten, welche es dem Konsumenten erlaubt, zeitgleich schier unbegreifliche Mengen Gefress in alle erdenklichen Körperöffnungen (vorzugsweise Mund) einzuführen und sich dabei nicht einmal abnormal vorzukommen. Schließlich ist das Hirn mit anderen, nennen wir es „Aktivitäten, beschäftigt – CGI Verdauung und chronische Synchronisationsfehleranalyse beispielsweise.

Es existieren weder High Definition Bücher, noch Dolby Digital Fassungen. Limitierte Steelbookstaubfängerpressblechversionen gibt es auch nicht. Rational betrachtet ist das Buch eine dicke, fette, langweilige Ansammlung von chemischem, völlig ungesundem Laserdruckertonerzeug, welches maschinell auf verstorbenen, gebleichten Baumüberresten festgebrannt wurde. Da gibt es weder Blingbling, noch anderweitige Stylefaktoren – Das Lesen eines Buches ist die wohl urtümlichste Konsummethode einer vom Autor erdachten Gechichte.

Warum also, beim Barte des Propheten, sollte man in der heutigen, multimedial zugekleistertem Welt noch solch prähistorischen Quatsch in Erwägung ziehen? Die Antwort ist schlicht und ergreifend »weil es intensiver als alles andere ist, war und auf ewig bleiben wird.«

Beim Lesen wird Dir nichts vorgemacht. Es existiert kein Regisseur, der Dir vorschreibt wie ein Charakter genau auszusehen hat. Niemand bestimmt, wie Du die beschriebene Welt oder das Universum sehen sollst. All diese Dinge passieren in Deinem Kopf – Du hast Deinen eigenen, gedanklichen Spielraum und konstruierst Dir Deine eigene Version des Erzählten. Ein Autor vermittelt lediglich Rahmenbedingungen, ein paar grobe Anhaltspunkte. Der Leser selbst entscheidet später, was er sich daraus zusammenspinnt.

Anfang der 90er las ich mein erstes Buch: Stephen Kings Es. Das gedankliche Bild von Pennywise zerstörte daraufhin bis heute meine subjektive Wahrnehmung eines Clowns. Ich fühle mich noch immer bedroht, wenn sich ein gottverdammter Clown mit einer beschissenen roten Nase in mein Blickfeld verirrt und irgend welchen einstudierten Klamauk der primitivsten Form präsentiert. Man,.. das was der Typ da treibt ist nicht lustig! Das ist bedrohlich! Jeden Moment springt er dem nächsten Rotzblag ins Genick, beißt es kaputt und weidet es im Anschluss daran aus! Wenn Du einen Clown siehst – Lauf! Oder töte ihn bevor er dich bemerkt.

Die Figur des Pennywise war für mich stets der Inbegriff von Bösartigkeit. Und dann, einige Jahre später, schleppte meine Mutter die Verfilmung aus unserer nahegelegenen Dorfvideothek auf VHS Tape mit Hause. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie sehr ich aus dem Häuschen gewesen bin, als das Teil schliesslich in unserem Videorekorder gelandet ist. Ich wollte mit eigenen Augen sehen, wie Pennywise tatsächlich ausschaut, ja, wie fürchterlich dieses Wesen in Wirklichkeit sein mag.

Was ich dann allerdings sah, war ernüchternd, langweilig, aufgesetzt – Das Ding in meinem Kopf hatte nichts mehr mit dem verkleideten Schauspieler zu tun, den ich dort sah. Dennoch wurde das Bild von Pennywise in meiner Phantasiewelt vollkommen durch den mehr oder minder langweiligen Hampelmann aus der Verfilmung ersetzt. Der „Zauber“ war komplett verflogen. Ähnlich erging es mir mit Tolkiens Der Herr der Ringe. Obwohl Peter Jackson es hinbekommen hat, eine großartige Welt zu erschaffen, saß ich relativ gelassen im Kino und lies die Bilder regelrecht interpretationslos auf mich einregnen.

Filme zerstören Gedankenwelten bzw. ermögliche Dir maximal einen kurzen Blick durch das Schlüsselloch. Die wahre Geschichte befindet sich allerdings hinter der Tür. Stell Dir ein richtig gutes Essen vor. Man futtert ein Stückchen hiervon und ein Stückchen davon. Es schmeckt geil und Du denkst Dir »omnomnom«. Irgendwann bist Du satt und glücklich und beförderst Dich mitsamt vollem Wanst in die Koje. Das ist ein Buch.

Der Küchenchef kratzt währenddessen die Reste von den Tellern, verwurstet selbige, entfernt vermeintlich überflüssige Brocken und haut die übriggebliebenen Zutaten in den Häcksler, um Sie anschliessend für 40 Minuten in den Backofen zu schieben und mit Käse zu überbacken. Eventuell serviert er das „neue Gericht“, auf einem Porzellan-Designteller und reichert es mit einer tollen Garnitur an, die man sowieso nicht isst. Das ist ein Film.

Versteht mich nicht falsch, es gibt wahnsinnig gute Filme. Wenn man es allerdings wirklich wissen möchte, und zur Gesamtheit in einer Geschichte versaufen will, sollte man (wenn möglich) doch eher die prähistorische Konsummethode wählen, die bereits Opa für gut befand.

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13 Discussion to this post

  1. wusel sagt:

    WORD! genauso!

  2. der Ösi sagt:

    true 🙂

  3. nic sagt:

    fantastisch geschrieben. Ich stamme inzwischen allerdings mehr aus der Opposition. Nicht weil ich nicht lesen will, sondern weil ich keine wirklich guten Bücher mehr finde.

    auf rezensionen kann man sich heutzutage auch nur noc hbedingt verlassen und ic bin es leid, gegen mitte des buches festzustellen, dass es mir nicht gefällt. Für Empfehlungen bin ich allerdings stets offen 🙂

    • desty sagt:

      Derzeit lese ich „Gott bewahre!“ von John Niven. Grenzt an Antipop. Supergut!
      Kram von Dirk Bernemann ist auch klasse. „Ich habe die Unschuld kotzen sehen“ beispielsweise 😉

      Laut einer Arbeitskollegin soll „Vogelstimmen“ vom ihm auch super sein. Das werde ich mir wohl als nächstes vornehmen. Dann gibts da z.B. noch „House of God“ von Samuel Shem. Vor Kurzem habe ich mir noch Herzmassaker von von Ina Brinkmann gegeben. Total kranker Scheiß aber genialer, vernichtender Schreibstil.

  4. recon sagt:

    shit. jetzt hab ich auch mal wieder bock auf ein Büchlein.

  5. Philipp sagt:

    Ich lese eigentlich nur Sachbücher weil dort Dinge stehen die sonst nirgends stehen, vorzugsweiße mit viele Abbildungen – lesen war noch nie meine Stärke. Ne im Ernst bei Romanen und so Stuff schreckt mich immer die dicke der Bücher ab. Ein Film hast du in 2 Stunden geschaut für ein Buch brauchst du schon ein paar Tage bis Wochen bis du jedes Word aufgelesen hast und in geistige Zusammenhänge bringst. Die Zeit dafür finde ich irgendwie nie, außer im Urlaub. Aber du hast vollkommen recht, wenn ein Buch spannend ist dann hast du zwei Woche was davon und man freut sich. Ebooks auf iPad & Co. ist Sackgang da bluten mir die Augen.

    • desty sagt:

      Ich lese auf nem iPad und finde es eigentlich ganz okay. Trotzdem besorg ich mir bei Zeiten noch son ollen Kindle. Zeug zum hinstellen ist zwar wesentlich cooler, aber dann ersticke ich bald darin.

  6. ms aus schnöseldorf sagt:

    Meine Empfehlung:
    Haben oder Sein vom alten Kollegen E.Fromm
    http://www.amazon.de/Haben-oder-Sein-seelischen-Gesellschaft/dp/342334234X
    Selbstreflektionsfaktor höher als bei Matrix!

  7. Anonymous sagt:

    Jeder sollte Weltliteratur lesen. Kleist, Kafka, Hesse (Der Steppenwolf):
    „Es brennt alsdann in mir eine wilde Begierde nach starken Gefühlen, nach Sensationen, eine Wut auf dies abgetönte, flache, normierte und sterilisierte Leben und eine rasende Lust, irgend etwas kaputt zu schlagen, etwa ein Warenhaus oder eine Kathedrale oder mich selbst, verwegene Dummheiten zu begehen, ein paar verehrten Götzen die Perücke abzureißen, ein paar rebellische Schulbuben mit der ersehnten Fahrkarte nach Hamburg auszurüsten, ein kleines Mädchen zu verführen oder einigen Vertretern der bürgerlichen Weltordnung das Gesicht ins Genick zu drehen. Denn dies haßte, verabscheute und verfluchte ich von allem doch am innigsten: diese Zufriedenheit, diese Gesundheit, Behaglichkeit, diesen gepflegten Optimismus des Bürgers, diese fette, gedeihliche Zucht des Mittelmäßigen, Normalen, Durchschnittlichen.“

  8. desty sagt:

    Der Steppenwolf is fantastisch! Habs zwar nicht gelesen, aber als Hörbuch verinnerlicht. Hallo Inga 😉

  9. Torsten sagt:

    Ich drücke mich einfach vor dem Gefühl des altmodisch-Seins indem ich meine Bücher auf dem Amazon Kindle lese ;D

  10. anne & jupp sagt:

    Hey „desty“, wir haben uns ob deines Schreibstils vor Lachen gekugelt (und somit nichts vom Tatort mitgekriegt). Diese Seite war uns trotz eines 31 Jahre andauernden Kennens ganz neu. Um nachvollziehen zu können, WAS du liest, sind wir älteren Semester jedoch gezwungen, ein „richtiges“ Buch aus Deiner Vorschlagsliste -:) zu erwerben – naja, die Bücherstube in Hilter muss ja auch existieren. Wir sind jetzt schon sehr gespannt.
    Grüßle vom Sofa, Tante und Onkel

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