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Adiós Facebook.

1. Oktober 2013


Vier Monate sind mittlerweile vergangen, seit dem ich den digitalen Selbstmord vollzog und dem blauen Riesen den Rücken kehrte. Zusammen mit Facebook wanderten eine ganze Reihe virtueller Freundschaften und Altlasten aus vergangenen Zeiten in den Schredder. Auch wenn man es nun vermuten könnte, sind die Gründe für diese Entscheidung nicht in der Privacy-Hilfe-die-NSA-sieht-alles-Schublade zu suchen, denn ich war und bin kein Aluhelmträger – beileibe nicht. Die Gründe für die „Kündigung“ beziehen sich einzig und allein auf den allgegenwärtigen, digitalen Brainfuck, dem ich mich nicht mehr aussetzen wollte.

Bereits Mitte der 70er Jahre war der Punkt überschritten, an dem das menschliche Gehirn die medialen Eindrücke, die von allen Seiten auf ihn einprasselten, nicht mehr verarbeiten konnte.

Überlegt man sich nun einmal, was in der 70ern medientechnisch so abging und man den heutigen Stand zum Vergleich heranzieht, kann man wohl erahnen welche Party unser Gehirn tagtäglich durchlebt. Ich habe selbst an mir bemerkt, wie sehr mir das alles zugesetzt hat, auch wenn ich anfangs nicht verstanden habe, dass überhaupt ein Problem existiert. Das geöffnete Facebooktab war stets präsent, völlig egal wo man sich gerade aufhält. Es wird zur Normalität, dass komplexe Gedankengegänge bzw. Konzentrationsaufgaben von schwachsinnigen Statusmeldungen oder Fotos des letzten Mittagessens unterbrochen werden. Und ehe man sich versieht, prokrastiniert man und hängt letztlich wieder in diversen Timelines ab, während die eigentliche Aufgabe in den Hintergrund rückt. Ich weiß nicht so recht,… aber ich glaube nicht, dass meine Eltern während ihrer Berufstätigkeit alle 15 Minuten in einer Klapse angerufen haben, um sich mit den dortigen Patienten zu unterhalten und im gleichen Zuge die Arbeit links haben liegen lassen.

Facebook ist eine konkurrenzlose Sozialneid-Fabrik, die den User auf der anderen Seite mit nicht mehr definierbarer, intelligenznegierter Schmodder zukackt. Heute, von Außen betrachtet, kann ich bereits nicht mehr nachvollziehen, aus welchem Grunde ich dort soviel Zeit verschwendet verbracht habe. Egal ob auf Arbeit, im Kino, auf der Straße oder in der Bahn – Überall sieht man Menschen, die jede freie Minute auf Facebook abhängen. Auf die Frage, was sie dort gerade machen, erhält man keine rationale Antwort, genausowenig wie ich jemals eine rationale Antwort geben konnte.

Sofern man schließlich doch mal eine akzeptable Antwort erhalten sollte, lautet diese meist „Ich möchte Kontakt halten“. Diese Argumentation ist zum einen gelogen und zum anderen nicht praktikabel – im Gegenteil. Alte Bekanntschaften, die man in sozialen Netzwerken knüpft, melden sich erfahrungsgemäß nach kurzer Zeit überhaupt nicht mehr, da man sich ja „verbunden“ hat und die Aktivitäten des Anderen jederzeit verfolgen kann. Deshalb ist es auch nicht mehr nötig, sich überhaupt noch auf konventionelle Weise zu melden. Genauso sehr wie sich hier die alten Bekanntschaften und ehemals guten Freunde (welch Ironie) bestalken, wird man auch von Kunden, potentiellen Arbeitgebern oder (Ex-)Kollegen bestalkt. Cyberstalking is creepy!

Na klar, es gibt diese superguten Privacy-Settings. Doof nur, dass diese für den Durchschnittsuser kaum zu handlen sind und sich in regelmäßigen Abständen verselbstständigen und/oder ihre Funktion aus- bzw. umgebaut wird. Facebook hat keinen Nutzen durch Personen, die sich digital isolieren – logisch also, dass es dem User deshalb schwer gemacht wird, seine Identität zu verhüllen.

Noch mehr Gründe gefällig? Gut.

Wir alle haben in der Anfangszeit lediglich mit unsere echten Freunde verknüpft. Mit der Zeit kamen dann Freundesfreunde und Arbeitskollegen dazu. Irgendwann später wurde dann schließlich alles und jeder geadded und schließlich versank der ganze Krempel komplett im Chaos. 500+ Friends sind keine Seltenheit und man beginnt damit, nicht mehr zwischen den Personen differenzieren zu können. Irgendwann ist man an dem Punkt angelangt, an dem man sich durch die uninteressante Scheiße der „fremden“ Personen wühlt, um die uninteressante Scheiße der „wichtigen“ Personen separieren zu können.

Das alles kostet dann noch wesentlich mehr Zeit als ohnehin schon. Man versucht mit Splitaccounts oder Listen eine Form von Ordnung in das ganze Durcheinander zu bekommen, damit nicht jede Personengruppe von seinem geheimen Zweitjob Wind bekommt. Leider befindet sich aber der Schwager seines zweiten Chefs in der Liste „Supergeheime VIP Personengruppe“, welche widerrum irrtümlich der Liste „Personen die alles wissen dürfen“ untergeordnet ist und der Schwager steckt deinem Chef den Zweitjob per Teilenfunktion, ohne dass Du es mitbekommst. Am nächsten Arbeitstag fragst Du Dich dann, aus welchem Grunde sich der persönliche Bürokaktus zusammen mit den anderen Utensilien in einem Pappkarton befindet, auf dem oben auf ein weißer Umschlag thront.

Ich bin mir nicht sicher.. vielleicht ist es auch einfach nur das Alter, aber ich halte das alles für überflüssig und absolut nervtötend (und vermeidbar). Und sind wir mal ehrlich: Ist es nicht viel netter, einen echten Freund zu besuchen und zusammen mit ihm ein Bier zu öffnen? Ich denke ja.

Im nächsten Schritt meiner digitalen Entrümpelung werden dann mit ziemlicher Sicherheit die Instant Messenger dran glauben. Streng genommen sind die Teile nämlich mindestens genauso ekelerregend wie das oben genannte Themengebiet. *pling pling pling pling*

Life Looks More Perfect – Echt jetzt.

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10 Discussion to this post

  1. Philipp sagt:

    …und schon hast du nicht ein Kommentar, weil du den Bullshit nicht über Facebook geteilt hast. Im Grunde hast du aber recht – ein Bier mit einem Kumpel in Real zu trinken macht freilich mehr Spaß. Aber was machst du, wenn deine Kumpels von früher Hunderte Kilometer entfernt sind? Wir haben z. B. unser letztes Klassentreffen über Facebook organisiert – sehr praktisch, wäre anders kaum möglich gewesen. Hört sich an als leidest du unter einem digitalen Burn-out.

    Ich bin und bleibe bei Facebook weil:
    Ich nicht in der Dönerbude, während ich auf meine Bestellung warte, mit meinem Smartphone rumspiele, sondern die Leute angucke die ein- und ausgehen.
    Ich nur die Leute in meine Freundesliste aufnehme, die ich wirklich kenne und mit denen ich Informationen über mich teilen möchte.
    Ich Facebook nicht öfters ansurfe als Newsplattformen wie Spiegel oder meinen Reader.
    Ich nur Infos teile, die ruhig Jeder wissen kann.

  2. A. Heiming sagt:

    Und ich wollt Dich gestern über Facebook zum Aaanalog Forum einladen… ^^

    http://www.aaanalog.de – Dachte das wäre was für Dich, Deine Frau und Eure Plattensucht 😉

    BTW: Sieht man sich auf dem Battlefield der PS4?

    PS: Hast aber schon recht. Ein Bierchen oder ne Shisha zusammen ist tausendmal geiler als in den weiten des Inets….

    Grüße
    Mivoc

  3. Mike Schulte sagt:

    Gute Entscheidung und gute Argumentation.

  4. Anonymous sagt:

    Timo > Gott.

  5. boris sagt:

    Hab ich jetzt auch gemacht.

  6. Anonymous sagt:

    Finde ich gut, das du ausgestiegen! Ich hoffe es folgen dir noch mehr! Und Philipp, wenn du das so konsequent machst! Super! Aber das machen leider die wenigsten.

  7. Anonymous sagt:

    Warum kann ich hier nur als „Anonymous“ einen Kommentar abgeben?

  8. Thomas Beneman sagt:

    Naja, du musst deinen Namen schon ins Feld schreiben…

  9. Anonymous sagt:

    @Thomas – Ich habe gar kein Feld „Name“, ich habe nur das Textfeld und dahinter steht „Post Comment“, mehr nicht.

  10. Timo sagt:

    Hö? Sehr strange. Ich guck mir das nächste Woche mal an. Cheers.

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