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Atompilz im Sonntagsfernsehen

20. Juni 2007

Die geschätzten 50.000 Zuschauer staunten am Sonntagmorgen nicht schlecht, als im Frühstücksfernsehen des tschechischen Kanals CT2 auf einmal eine Atomexplosion die beschauliche Berglandschaft erschütterte. Eine Künstlergruppe hatte sich in die Übertragung eingehackt und das gestellte Video eingespeist.

 

Das „Panorama“-Programm des tschechischen Kanals CT2 zeigt jeden Morgen von installierten Kameras übertragene Landschaftsbilder und sendet dazu die entsprechenden Wetterinformationen. Würde man den Bildern am Sonntagmorgen glauben, so hat sich das Wetter im ostböhmischen Riesengebirge dramatisch verschlechtert. Um 8:16 ragtefür 30 Sekunden inmitten des Bergtals ein Atompilz in die Höhe – danach eine kurze Störsequenz, die Kamera durch die Explosion ausser Betrieb gesetzt. Wieviele frühstückende Familien das apokalyptische Szenario besorgt zum Telefonhörer greifen liess, ist unbekannt.

Bekannt ist jedoch der Verursacher der atomaren Konfusion: die Gruppe „Ztohoven“ um den Performance-Künstler Roman Tyc. Auf ihrer Myspace-Seite stellt die Künstlergruppe klar, dass sie weder eine terroristische noch eine politische Vereinigung sei. Politisch im weitesten Sinne sind ihre Aktionen aber schon – man bedient sich den Methoden der Kommunikationsguerilla, um Menschen aufzurütteln und auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam zu machen. So hauchte die Gruppe im April in der tschechischen Hauptstadt Prag mindestens 50 Ampelmännchen neues Leben ein, indem diese durch liegende, trinkende oder gar urinierende Gestalten ersetzt wurden. Damit haben man gegen starre Verhaltensmuster protestieren wollen, erklärte Tyc. Im Jahre 2003 hatte die Gruppe die Werbetafeln in der Prager U-Bahn mit riesigen Fragezeichen plakatiert, um auf die Allmacht der Werbung aufmerksam zu machen.

Der Fernsehhack ist die wohl bisher spektakulärste Aktion der Gruppe. Da die Kameras, welche die Panoramabilder liefern, von Drittanbietern betrieben werden, reichte es für die Aktivisten schon, den Kameraserver zu hacken. Das Netz des Fernsehkanals war also nicht betroffen. Nichtdestotzotz zeigten sich die Kanalbetreiber wenig amüsiert – sie sollen bereits Anzeige gegen die Aktionskünstler erstattet haben. Werden sie verurteilt, droht ihnen bis zu ein Jahr Gefängnis.

Am 17.06.2007 griff [die Gruppe] den medialen Raum an, den Raum des Fernsehens. Sie störte ihn, hinterfragte seinen Wahrheitsgehalt, seine Überzeugungskraft. Sie machte auf die Möglichkeit aufmerksam, das mediale Bild der Welt gegen das Bild der realen Welt an sich auszutauschen. Ist alles, was wir jeden Tag auf den Fernsehbildschirmen sehen, die Wahrheit, die Realität?

 
So nimmt „Ztohoven“ Stellung zu ihrer Aktion vom Sonntag. Die aktuelle Politik verleiht dem Fernsehhack jedoch eine weitere Komponente: Die USA arbeitet momentan an ihrem Vorhaben, in Tschechien Raketenabwehrschilder zu installieren – wie es heißt, gegen einen potentiellen Angriff des Iran auf Europa. Die Künstlergruppe führte gestern anschaulich vor, wie eine Atomexplosion im beschaulichen Ostböhmen aussehen könnte. Ob diese Option eine ernste Bedrohung darstell, oder ob sie hingegen völlig absurd ist, darüber können nun die Zuschauer nachdenken, die am Sonntagmorgen für 30 Sekunden aus ihrer heilen Frühstückswelt gerissen wurden.

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