Die letzten Wochen erhalte ich seltsamerweise des öfteren Mails mit irgendwelchen Fragen zu irgendwelchen Programmen. Meist C4D betreffend. Warum das so ist, kann ich mir beim besten Willen nicht erklären. Schliesslich habe ich meines Wissens nach niemals irgendwo hier auf der Seite meine Hilfe angeboten. Ich antworte auch eigentlich niemals auf solche Mails.

Das liegt allerdings nicht daran, dass ich ein arroganter Mistkerl bin. Viel mehr liegt es daran, dass ich auf die Unsinnigkeiten der Fragen nicht eingehen will bzw. kann. Hier mal ein Beispiel von letztem Montag:

Hi Timo!

[…] Blah Blah  Blah Blog Portfolio Bla toll Blah. Ich selbst lerne jetzt auch seit 3 Monaten Cinema4D und […] Blah Blah da ich nicht weiss wie ich das realisieren soll. Ich brauch nen realistisches Wasser. Haste da vielleicht nen Tutorial oder kannst mir mal irgend ein Beispiel schicken? Danke!!

So, oder so ähnlich lauten so ziemlich alle Mails. Fast immer entsteht in mir der Eindruck à la „Mailschreiber hat ggf. nen Kundenauftrag, zerbricht daran bzw. übernimmt sich im Vorfeld und bekommt jetzt Probleme“. Auf der anderen Seite frage ich mich wie im o.g. Beispiel, ob die Leute tatsächlich bereits nach 3 Monaten „rumklicken“ so wahnsinnig sind und Aufträge annehmen bzw. überhaupt kommerziell die Tools nutzen. Wenn ich mich durch irgendwelche Foren wühle, seh ich ebenfalls ständig bedenklichen Fragestellungen dieser Art: „Hab jetzt angefangen, wie bau ich nun einen 50 Meter großen, Gebäude zerstörenden, brennenden Kampfroboter, der mit XPresso steuerbar ist?“.

Leute, so funktioniert das nicht. C4D / Maya / Max / Lightwave / whatever sind Profitools. Ein 3 monatiges Rumklicken in irgendwelchen raubkopierten Warezreleases ist so ziemlich gar nix. Gerade im CG Bereich spielen so viele Faktoren mit hinein, dass Begriffe wie „schnell“ oder „mal eben“ schlicht fehl am Platz sind. In erster Linie geht es um fotografische Kenntnisse, Beleuchtungsmethoden und analytische Problemlösungen. Es funktioniert so gut wie nie etwas auf Anhieb. Dinge sollen durchdacht und Probleme müssen nach und nach angegangen werden. Erst nach dem theoretischen Hintergrundwissen folgt die Umsetzung im jeweiligen Tool.

Auch das ständige schreien nach Tutorials bringt streng genommen herzlich wenig… jedenfalls in der Form wie Tutorials normalerweise „konsumiert“ werden. Angenommen ein Tutorial zeigt einen Haufen Kugeln, die irgendwo per Dynamics runterfallen und auf dem Boden platzen: Der Betrachter schaut sich das Tutorial an und kommt zu der Erkenntnis „Ah! So läuft das. Alles klar!“. Spätestens an diesem Zeitpunkt wars das. Der Betrachter denkt, er könne es. Selbst nachbauen wird entweder nur grob durchgezogen oder direkt ganz gelassen, weil er es ja ohnehin total durchblickt hat.

Angenommen weitere 3 Wochen später wird die selbe Technik wie im Tutorial benötigt. Der Typ wirds nicht hinbekommen, da er das Tutorial nicht verinnerlicht hat. Und selbst wenn der Typ das Tutorial verinnerlicht hat, wird die „reale Situation“ nicht 1:1 vom Tutorial adaptierbar sein. Der Typ schmeisst die ganze Sache hin.

Für sinnvoller halte ich folgende Methode: Man besorgt sich ein Tutorial, welches das eigene Interesse weckt und in etwa im passenden „Skillbereich“ liegt.  Dieses Tutorial spult man bis zur 98% Marke und schaut sich das finale Ende an, also genau die Stelle, an der das fertige Produkt sichtbar ist.

Dann schaltet man das Tutorial aus, und versucht selbstständig irgendwie zu diesem Punkt zu kommen. Das ist unbequem, ja. Man wird viele Kompromisse eingehen und wahrscheinlich wird das Endprodukt auch nur bedingt funktionieren. Man steckt sich so aber ein Ziel und was viel wichtiger ist: Man beisst sich in der Materie fest. Nachdem man sich dann einige Stunden/Tage mit dem „Produkt“ befasst hat, schaut man das Tutorial dann letztlich vorwärts an. Und genau hier tritt dann der Lerneffekt ein. Man sieht sofort, wie man Dinge besser macht oder andere Dinge, an denen man gescheitert ist, vernünftig realisiert. DAS bleibt dann im Gehirn kleben. Falls das Endprodukt hingegen wider Erwarten bereits in Eigenregie funktionieren sollte, benötigt man auch das Tutorial nicht mehr.

Was ich damit sagen will: Setzt euch selbst an euren Müll und probiert erstmal bis zur Extase selbst rum. Das Internet ist total gut, um auf spezifische Fragen eine Antwort zu bekommen. Vorhaben wie „Boah ich will jetzt Feuer und Lensflares und alles soll explodieren und Roboter will ich haben und alles muss über mein iPhone bedienbar sein“ sind hingegen totaler Schwachsinn. Ich werde auch einen Teufel tun und bei so was meine Hilfe anbieten.

Weil es a) sinnlos ist und b) ich es selbst nicht kann.

Wenn man anfängt Gitarre zu lernen, passiert die ersten zwei Monate überhaupt nichts. Man ist vielleicht im Stande irgendeinen Boy Dylan Song halbwegs ohne ätzende Störgeräusche rüberzubringen,.. das wars dann aber auch. In Musikcommunities fragt doch auch kaum jemand sachen wie „Hab mir jetzt die neue Gitarre aus dem Angebot vom Restpostenmarkt gekauft. Saiten hab ich auch drauf… Wie spiel ich denn jetzt The Trooper von Maiden?“ Die Frage, die man sich nach 2 Monaten Gitarre spielen stellen sollte ist eher „Wie schaffe ich es, die drei bisher gelernten Akkorde möglichst sauber und ohne Schmerzen im Handgelenk zu spielen und was kann ich mit den drei Akkorden anfangen?“

Was ich damit sagen will: Steckt euch kleine Ziele und seid selbstkritisch. Weint nicht gleich rum, sondern zieht es einfach durch. Selbst dann, wenn ihr 20 mal auf die Schnauze fallt. Und vorallem: Bevor ihr fragt, probiert es ÜBERHAUPT erst einmal selbst. Sei es nun WordPress, C4D, Fahrradfahren oder was weiss ich.

ps: Hallo unbekannter Mailschreiber! Wasser – Nimm Realflow. Kann ich selbst nicht, will ich auch nicht. Hab noch andere Prioritäten.