Ich bin ja bekanntlich ein extremer Musikidiot und verbringe unendlich viel Zeit damit, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Eigentlich bin ich ununterbrochen auf der Suche nach neuem Zeug und finde es traurig/verächtlich, dass so viele Menschen niemals den Blick über etwaige Tellerränder. Denn lässt man sich auf nichts Neues ein, verpasst man verflucht viel und das ist dann letztlich suboptimal.

Klar, bei manchen Menschengruppen ist das dann auch wieder irrelevant. Dabei spreche ich von Menschen, die Musik einzig und allein als Mittel zum Party machen sehen, oder selbige als Grundlage zum Anbaggern von irgendwelchen, ebenso irrelevanten Frauen (da selbes Klientel) nutzen. Für diese Menschen ist Musik natürlich eher weniger wertebehaftet und deshalb versammeln sie sich auch gerne im Rudel und versuchen ihren Körper gemäß der darwinschen Theorie möglichst zügig unter Zuhilfenahme übermäßiger Alkoholeinheiten zu exekutieren.

Das ist einerseits traurig, andererseits auch wunderbar – Denn so vermischen sich diese Leute nicht mit dem Rest der Gesellschaft und verschwinden irgendwann komplett von der Bildfläche. Zurück zum eigentlichen Thema. Wenn ich Musik höre, dann höre ich Musik. Soll heissen, ich lasse alles mehr oder weniger liegen und… naja, höre Musik. Ich klicke nicht einfach so auf den Link zur Band, halte für 30 Sekunden die momentan laufende Serie an, check ’ne eBay Auktion, schreibe nebenbei meine momentane SMS weiter und gebe direkt danach mein Urteil zur Musik ab, die ich sowieso nur zu 5% wahrgenommen habe. Nein, ich höre mir den Kram tatsächlich an – Zumindest mittlerweile. Früher habe ich das soeben genannte Verfahren bevorzugt, und so blieb mir beispielsweise vor ca. 7 Jahren eine Band verwehrt, die ich erst heute schätzen gelernt habe. Damals meinte nämlich son Typ zu mir „Junge, zieh‘ dir auf der Stelle Jakob rein!“ und ich so „ok“. Ich hab dann irgendwann zwischen Mittag und 12 Uhr kurz geyoutubed und direkt danach auf nen anderen Link geklickt, der irgendwie „fetter Junge verschluckt eine Gabel“ geheissen haben muss. So kam ich nach meinen 30 Sekunden Jakob zum Fazit, dass es ja ne echt langweilige Band ist. Das war dann auch mein erster und letzter Kontakt zum Post-Rock. Bei Katatonia beispielsweise war es zuvor ähnlich: Ich wurde dazu aufgefordert, mir die Band mal anzutun. Ich bin der Empfehlung nachgegangen, habs mir ne Minute gegeben und anschliessend auf das Video „Hässliche Frau mit grünem BH fällt die Treppe runter“ geklickt. Mein Fazit war „ist scheisse produziert und klingt wie alles andere“. Elendig viele Jahre später merkte ich dann, wie unendlich viel Genialität in dieser Band steckt und wie verdammt hochwertig das ist, was die machen.

Statt dessen habe ich dann weiter irgendwelche leichte Kost à la Godsmack oder was auch immer gehört. Damit will ich jetzt nicht sagen, dass Godsmack schlecht sind. Auf gar keinen Fall, ich liebe Godsmack! Verglichen mit den zwei o.g. Beispielen ist Godsmack allerdings der Analogkäse im Gegensatz zum mittelalten Gouda.

Hätte ich noch eher Bekanntschaft mit Bands der oben genannten Art gemacht, wäre das für mich persönlich schon ne Bereicherung gewesen, und ich würde mich irgendwie darüber freuen. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich damals noch zu jung gewesen bin, mich mit „schwererer Kost“ zu beschäftigen, oder es liegt mitunter daran, dass ich inzwischen selbst Gitarre spiele und den Kram heute völlig anders wahrnehme. Würde mir heute jemand irgend eine Machine Head oder Coal Chamber CD mit den Worten „hier, bahnbrechender Shit!“ hinschmeissen, würde ich ihn vermutlich doof angucken und ihm sagen, dass er mal auf die Uhr bzw. aufs Datum schauen soll.

Trotzdem mag ich die Bands noch immer, weil ich damit aufgewachsen bin. Ich weiss heute auch, dass die ach so hochgelobte Riffvielfalt von Machine Head streng genommen nur eine extrem geheuchelte Fassade ist. Klar, die bauen 25 Riffs in einen einzigen Song rein. Diese achso tolle Vielfalt kommt allerdings nur dadurch zustande, weil eine bestimmte Tonfolge einfach wieder und wieder bis zur Unkenntlichkeit transponiert und umarrangiert wird. Somit werden aus 25 Riffs dann mal eben drei. Aber wen interessiert’s? Ich find‘ die trotzdem toll und Marketinggelaber, dass durch irgendwelche Musikfachzeitschriften in die Welt geblasen wird, interessiert mich auf diesem Gebiet nun wirklich herzlich wenig.

Dennoch: Warum sollte man nun, 100 Jahre später, aufhören sich ernsthaft mit neuen, weiteren Dingen auseinanderzusetzen? Das haben wir früher auch gemacht. Oder anders gefragt, warum sollte man diese alten Relikte noch immer als das Optimum des Universums deklarieren und sämtliche Dinge daran messen? Würde man das tun, besucht man in 10 Jahren keine Konzerte mehr, da sämtliche „Helden der Vergangenheit“ unter der Erde liegen.

Es ist einzig und allein die Arroganz der eigenen Person, die nicht wahrhaben will, dass es auch die Menschen musikalisch zu etwas bringen, die womöglich sogar später als wir geboren sind. Es sind allerdings viele Menschen nach uns geboren und diese Menschen sind mit Musik aufgewachsen, die höchstwahrscheinlich in ihrer Gesamtheit „wertiger“ ist, als die Musik mit der wir aufgewachsen sind. Und beginnen diese „Neugeborenen“ nun damit, selbst zum Instrument zu greifen, so ist eine wesentlich vielfältigere Grundlage vorhanden, als zu unserer Zeit. Das Ganze besitzt im Übrigen auch einen eigenen Begriff: Entwicklung.

Nun könnte man behaupten, dass es den „alten Säcken“ (omg, wie das alles klingt) aufgrund dieser „Entwicklung“ vielleicht schwerer fällt, Zugang zum „neuen“ Scheiß zu finden. Das ist aber meiner Meinung nach nicht der Fall. Schuld ist wieder nur die eigene Arroganz, die den gesunden Menschenverstand abschaltet.

„Der Typ mit seinem scheiß Avenged Sevenfold Kack da! Ich hab schon Megadeth gehört, als der sich noch von püriertem Fleischbrei aus dem Glas ernährt hat. Ich hab den Plan und der nicht! Ist doch sowieso alles nur abgekupferter Dreck. Muss ich mich gar nicht mit auseinandersetzen bzw. hab ich überhaupt keinen Bock zu. ARSCHLOCH!“

Genau diese Art von Reaktion ist wohl an der Tagesordnung. Jedenfalls nach meinem Empfinden. Klar, sind die Avenged Sevenfold Sachen nichts bahnbrechend neues. Zerfrickeltes Rumschrubben auf unterschiedlichsten Skalen inkl. mixolydischen und phrygischen Kirchtonleitern beherrschte auch vor rund 20 Jahren der Herr Chuck Schuldiner von den gottgleichen Death. Dave Mustaine von Megadeth beherrscht das auch, bekommt es aber dennoch nicht geschissen, mehr als drei nicht komplett ätzende Songs zu bauen. Dimebag und Zakk Wylde würden sowieso jeden Avenged Sevenfold Song mit abgehackten Armen, ohne Gitarre, sondern ausnahmslos manifestierter Awesomeness covern. Aber sind Avengeld Sevenfold deshalb schlecht? Nö!

Ich hoffe es ist rübergekommen, was ich hier aussagen möchte. Auch ein 56 jähriger Altrocker, dessen musikalisches Repertoire aus Saxon (und NUR aus Saxon) besteht, könnte Gefallen an weiteren, moderneren Bands finden, wenn er es nur länger als gottverdammte 30 Sekunden probieren würde.

So. Spätestens jetzt habt ihr das alles eingesehen und verstanden. Ihr findet bestimmt auch alle super, was ich da so geschrieben habe. Und ihr denkt jetzt alle „woohoo! Ich muss mich sofort musikalisch weiterentwickeln und den Blick über den Tellerrand wagen! Ich muss mir jetzt unbedingt die nachfolgenden Stücke genau anhören und mache sogar Facebook dafür zu!“. Das ist schön und auch sehr löblich, denn jetzt gibt’s hier die Essenz aus dem Post-Genre, die ich in den letzten Monaten so entdeckt habe und für absolut ultraschweinegeil halte.

Ich würde sogar soweit gehen und behaupten, dass ich auf der ganzen Welt nicht mal ansatzweise eine musikalische Stilrichtung kenne, die genialer, komplexer und gehaltvoller ist, als das Post-Genre. Sicher kann man da auch nicht alles über einen Kamm scheren, aber die nachfolgenden Bands stehen definitiv weit über allen mir bekannten Konkurrenten, die versuchen ähnliche Stimmungen zu schaffen.

Post-Metal entsprang im übrigen dem Sludge. Im Grunde ist es Metal, ja. Allerdings kann man verallgemeinernd festhalten, dass alle Post-Genres die ursprünglichen Schemata des jeweiligen übergeordneten Genres ausreizen und komplett neue Elemente einbringen. Die grundsätzlichen Instrumente, Skalen, Pentatoniken bleiben erhalten, aber es wird eine ganz eigene, progressive Stimmung geschaffen, die unendlich drückt, schiebt und ballert.

Melodien werden geschaffen, anschliessend in kompletten Noise zerrissen, der dann widerrum gegen die selbst geschaffene Atmosphäre ankämpft. Atmosphäre ist ohnehin ein Schlagwort des Genres. Da Sludge wie gesagt der Vater des Post-Metals ist, erkennt man ebenso gut wie in manchen Sachen von Neurosis oder dem ersten Callistoalbum. Das ganze ist irgendwie ein Mischmasch aus Adjektiven wie doomig, lieb, brachial, bösartig, verspielt und atmosphärisch. Ich hätte auch nicht erwartet, dass diese Art von Musik live überhaupt stemmbar wäre, bis ich dann mal auf diversen Konzerten gewesen bin, und… es geht. Es ist einfach nur der aaaaaabsolute Wahnsinn. Das muss man echt mal mitgemacht haben!

Da sich kaum jemand mit dieser Musik befassen möchte, sind die Konzerte zusätzlich auch extrem günstig.