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Klänge verschenken und aufessen.

30. Mai 2017

Die Menschen in meinem Umfeld zeichnet eine Sache aus: Eine unendlich große Liebe zur Musik. Und das ist es auch, was uns seit jeher so sehr zusammenschweisst. Wir verständigen uns über Musik, trösten uns mit Musik, haben in der Vergangenheit zusammen Musik gemacht (eher schlecht als recht) und versuchen es aktuell sogar wieder (mehr oder weniger). Wir wissen, was der Andere beim Hören empfindet, welche Songpassagen ihn an welcher Stelle seiner Seele treffen, pieksen, treten, kratzen oder umarmen. Wir sehen einander an, welche Bilder im Kopf ablaufen, wenn sich der Klangschleier über uns niederlegt. Wissen, wann es Zeit ist die Augen zu schließen, zu schreien oder zu springen.

Alle großen Momente meines/unseres Leben hatten mit Musik zu tun und auch in der Zukunft wird sich das garantiert nich ändern. Seien es Konzertbesuche, die unglaublich verrückten Zeiten auf den weiten Wiesen unter der brennenden Sonne irgendwelcher Festivals oder Urlaube, in denen an jeder erdenklichen Stelle der „Holidaysoundtrack“ lief, welcher sich im Nachhinein fest mit den Erlebnissen verschweisste. Musik hat die Kraft, Empfundenes und Erlebtes wieder in einem hervorzuholen und dich wie ein überdimensionales Katapult zurück in die Momente zu feuern. Besser als jedes Foto, besser als jedes bescheuerte Video. Denn visuelle Erinnerungen sind in ihrer Darstellungskraft begrenzt. Sie zeigen situative Momentaufnahmen, aber niemals Emotionen oder Gefühle.  Ich mache natürlich trotzdem Fotos – Smartphone sei dank – schaue sie mir aber aus genau diesen Gründen eigentlich selten an. Und wenn doch, stelle ich stets fest, dass sie meist oberflächlich und kläglich sind. Ganz gleich wie großartig das gezeigte Motiv ist. Es besitzt im Gegensatz zur Musik einen Rahmen.

Aber ich schweife ab.

Zurück zum Thema: Wir sind allesamt keinesfalls auf bestimmte Stilrichtungen „eingeschossen“. Vielmehr entwickeln wir uns stetig weiter, denn das ist wichtig. Nicht nur im Bereich der Musik, sondern immer und überall, denn alles ist Progression.

Ich schweife schon wieder ab.

Also, so sehr ich Spotify und Co. auch verfluche,.. zum Entdecken neuer Dinge sind die Streaminganbieter wahrlich fantastisch. Eine noch viel größere Fundgrube ist allerdings Youtube. Ich verbrachte in der Vergangenheit Äonen von Stunden damit, mich musikalisch zu „bilden“ und mich immer und immer weiter gegenüber weiteren Sachen zu öffnen. Das besondere an Youtube ist die Rohheit der Fundstücke, denn man findet Massen an Independent Zeug, Künstler die keiner kennt. Künstler die Fehler machen und sich gerade deshalb der Charme in den Vordergrund schiebt. Hallige Aufnahmen im Badezimmer, im Garten, Boysetsfire’s Berlin Sessions und und und… Oftmals begeistern diese Dinger noch wesentlich mehr als die Originalaufnahmen. Nein, eigentlich fast immer.

Das Tolle ist nun, dass manchmal mein Handy vibriert und ich von irgendwem eine Nachricht erhalte und diese nur aus einem Link besteht. Immer dann überkommt mich eine Freude, weil es garantiert etwas mit Musik zu tun hat, ich es höchstwahrscheinlich noch nicht kenne und es mit ziemlicher Sicherheit mögen werde oder zu mögen lernen werde. Denn meine Freunde schicken mir nicht umsonst Musik, sondern nur dann, wenn es ihnen etwas bedeutet und mir somit auch etwas bedeuten kann. Heute war wieder so ein Tag, an dem ich eine Nachricht von der besten Kumpeline Schwester auf diesem seltsamen Planeten erhielt. Und es führte dazu, dass ich den ganzen Abend vor’m Macbook kleben blieb, weil es wieder Lawinen von guten Gefühlen und anschließend ewigem Weitergesuche in mir auslöste. So entstehen diese Sofa-(heute-mal-Balkon-) Abende, die ich so sehr liebe. Es war der Song Wash it Away von Nahko Bear, den ich nicht kenne, von der Band Medicine for the People, die ich nicht kenne.

Und das ganze Ding dann in der sogenannten Gondola-Session-Version, bei der er mit einer Gitarre in einer Gondel sitzt und die Fahrt über ein für mich nahezu perfektes Kunstwerk zaubert. Wie authentisch das ist, wie wundervoll das ist. Wie klasse und toll die Aussage ist, wie schön die Umsetzung ist. Meine Fresse, ich brech‘ zusammen.

Auch seine anderen Songs sind fantastisch. Nahko wäre der perfekte Lagerfeuer-Buddy. Ich bin heterosexuell, aber ich bin verliebt.

Einige Tage zuvor war ich Wandern und eine andere Kumpeline, bei der ich seit nunmehr 10 Jahren das gleiche Musikaustauschding betreibe, antwortete mir auf die Frage „Was soll ich’n anmachen?“ mit „Erica Freas!“.

„Erica Fries?“

„ja.“

„Fries wie Pommes?“

„Nein mit ea.“

Direkt schmolz ich wie ein Schneemann in der Mikrowelle dahin. Innerhalb von Minuten. Krasse Künstlerin, superfantastische Stimme und ne heftig sympatische, lustige Person. Bisschen Hippie, bisschen Punk, bisschen Freak und unfassbar begabt. Frau Freas ist übrigens die Sängerin der Punkband RVIVR, was ich nicht wusste und die auch niemand kennt, ich allerdings schon.. seit Ewigkeiten, ich mich aber nach wie vor frage: Woher eigentlich?!

Egal. Besser noch als die veralbumten Stücke sind die Songs aus der Fistful of Vinyl Session auf Youtube.  Heftig ultramegalomaniakrass!

Ich kann es einfach nicht oft genug betonen wie erfüllend Musik für mich ist. Und ich möchte jeden schütteln und rütteln, der niemals versucht sich tiefer in die Materie reinzuhören und sich nicht selbst auf die Suche begibt. Es ist so ein Verlust 🙁

Noch ein Beispiel: Es war am Tag vor diesem Blogpost. Ich verbrachte den Abend bei der Person, die mir den Nahko Bear empfohl (Schwester). Wir redeten, blödelten rum und dann fing wieder dieses Musikgenerde an. An dem Abend war Hip-Hop Krams dran. Ein Genre, mit dem ich mich eigentlich viel zu wenig auskenne, mich aber inzwischen mehr und mehr mit befasse. Es hiess „Such mal Käpt’n Peng“.

„Captain Peng?“

„ja.“

„Gibts nich.“

„Mit K und Ä und Apostroph.“

„ok.“

„Und dann den Song Weristich.“

„Gibts nich.“

„Ein Wort.“

„ok“.

Ein billig produziertes B-Movie Video. Ist ja schonmal supergeil. Aber was dann kam, ging gar nicht. Der Typ rappt ein so dermaßen tiefgründiges und auf den Punkt gebrachtes Zeug, das es mich einfach durch jede imaginäre Wand gedrückt hat, die mein Gehirn noch in der Lage war zu produzieren. Ich – nein wir – saßen mit weit aufgerissenen Augen vor dem Fernseher und fingen an zu sabbern.

Anderes Käpt’n Peng Ding. Alles so so so auf den Punkt. So unfassbar heftig gut. Besser kann man ein so ernstes Thema unmöglich angehen. Das ist… ja, Kunst.

So, das soll es dann auch erstmal gewesen sein. Es ist wundervoll, Andere für etwas begeistern zu können. Es ist vielleicht sogar die Essenz des Lebens für mich, Gefühle weitergeben zu dürfen. Ich kann mir eigentlich nichts schöneres vorstellen. Und es ist egal, worauf die Gefühle basieren. Und sei es ein dummes Youtube Video. Es geht um die Botschaft dahinter. Man denkt dabei – in diesen Fällen – an mich, will mich an den erlebten Empfindungen teilhaben lassen. Genauso gebe ich es zurück. Es macht mir die allergrößte Freude, wenn ich jemandem etwas mir wichtiges präsentiere und dabei bemerkte, wieviel Dankbarkeit und Begeisterung die Augen (und Ohren) mir dabei entgegenkotzen.

Und wenn dann noch ein leises „Danke“ über die Lippen gerollt kommt, kann ich in der Nacht gut schlafen. Pelikan. Pelikan. Pelipelipelipelipelikan!

tl;dr: Videos angucken.

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5 Discussion to this post

  1. Chris Sutter sagt:

    Schreibe bitte ein Buch und ich werde es kaufen.

    • LucaM sagt:

      Ich auch ^_^

      „Es ist vielleicht sogar die Essenz des Lebens für mich, Gefühle weitergeben zu dürfen.“

      Das ist wohl die schönste Aussage die ich seit langer Zeit gehört habe. Du bist ein toller Schreiber und deine Art zu texten lässt einiges auf deinen Charakter schließen. Bezeichnest Du Dich wirklich selbst als Nerd? Ich würde Dir raten den Autortext zu überarbeiten, denn nerdige Züge sehe ich in deinen Sätzen keine. Genau genommen lese ich das komplette Gegenteil heraus. Besonders der Text über den Abschied von deiner Mutter hinterlässt in mir ein völlig anderes Bild. Schreib doch lieber einfach „guter Mensch“ 😉

      Gibt es eine Möglichkeit deine Artikel bei Facebook zu abonnieren?

      • Timo sagt:

        Oooohhh danke. 🙂
        Von Texten allein auf eine Person zu schliessen ist aber auch riskant. Sagen wir es so, ich versuche ein guter Mensch zu sein, allerdings kein Gutmensch. Und ich bin ein kleiner Einblick mit nerdigen Zügen. Aber was gibt es am Nerdsein so negatives? Eigentlich ist das doch ganz okay, oder nicht?

  2. Tim sagt:

    Er IST ein Nerd! Sein Wohnzimmerlicht geht an, wenn man light my fire singt xD

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