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23.547 Tage

31. August 2016

 Es gibt Momente im Leben, die so schwer wiegen, dass man unter ihrer Last beinahe zerdrückt wird. Tage, an denen einem der Boden unter den Füßen weggerissen wird und man nur noch fällt und fällt und fällt und auf ewig weiter zu fallen droht. Um am Ende der Ewigkeit hart aufzuschlagen und beschwerlich nach zu Luft ringen. Ein Atemzug, der wichtig ist – Wichtig, um weiterzumachen, um sich aufzurichten, um klar zu denken, um zu sprechen oder schlicht, um sich in neuen Mut zu verkrallen, um sich wieder in Pose zu bringen und sein Kämpferherz mit einem lauten Schrei zurück in die Spur zu holen. Diese Tage sind es, die meine Mama eine nicht mehr greifbare Zeit begleiteten. Solange, dass ich mich fast nicht mehr daran zurückerinnern kann, wann es einmal anders gewesen ist. Aber nur fast.

Und sie ist eine strahlende Kämpferin. Wohl die größte und hellste, die es auf der Welt geben kann. Bis zuletzt – zu dem Tag, an dem sich ein weiteres Kämpfen und Verbeissen nicht mehr lohnte – wo es sinnlos gewesen wäre, sich erneut gegen das furchtbare Monstrum COPD aufzulehnen und ihm ein weiteres Mal die geballte, von Narben zerfressene Faust in die hässliche Fratze zu rammen. Denn dieses Monster hätte niemals davon abgelassen, weiter zu attackieren, ganz gleich was man dagegensetzt hätte. Das wusste sie. Zu jedem Krieger gehört somit auch Weisheit. Und das Wissen darum, wann der Zeitpunkt gekommen ist, sich dem Unwiderruflichen auszusetzen, gehört dazu. Auch das wusste meine Mama. Und so erhob sie sich nicht ein weiteres Mal, sondern fand ihren Frieden und legte sich schlafen, weil sie müde geworden war. Sie lehnte sich nicht mehr auf und zeigte auch den Ärzten, die wild auf ihr rumschlugen und drückten, sie womöglich anbrüllten und ihr Backpfeifen verteilten zum Abschluss nur noch den Vogel. Sie entschied selbst über sich, da konnte niemand etwas dran rütteln. Niemand hat je Kontrolle über ihr Leben erlangt, sie ist sich treu geblieben entschied stets für sich. Bis zum Schluss.

Dieser Tag war der 29.8.2016 , 11:20 Uhr – Der Tag ihrer endgültigen und wohl wichtigsten Entscheidung. Zuvor gab sie uns und vor allem mir häppchenweise verteilt Dinge mit auf den Weg, die ich tief in meinem Herzen verschlossen habe und mit riesigen Ketten sichere. Dinge, nach denen ich nun leben werde, um genauso ein mutiger Krieger zu werden, wie sie es immer gewesen ist. Dafür habe ich zu danken und für so vieles mehr natürlich auch. Vor allem lernte ich, immer – ganz gleich wie schwer es zu sein scheint – weiterzumachen. Sich ein dickes fettes Fell umzubinden und eine riesige Fahne mit dem Schriftzug „Fuck You“ mit sich herumzutragen. Niemals vor irgendwas auf die Knie zu fallen und Dinge vergeben zu können – Ganz gleich, wie schwer oder drastisch diese zu sein scheinen.

Und es tut mir leid, dass ich den letzten verbliebenen, großen Wunsch nicht mehr erfüllen konnte. Aber lass dir eins gesagt sein, Mama: Du wirst mich wieder glücklich sehen. Irgendwo oben in deiner komischen Wolke, die Du Dir jetzt bestimmt zusammen mit deinen Eltern umdekorierst, weil alles so altbacken aussieht. Sobald Du dort die Fenster geputzt hast und runterschaust, wirst Du es erleben. Ich gebe Dir mein Wort. Und Großmutter wirst Du auch. Im Gegenzug verlange ich nur eins: Grüß Oma, Opa und kümmer‘ Dich bitte um Kohlrabi… auch wenn Du Katzen nicht ausstehen kannst (zumindest, wenn sie groß werden). Irgendwann komme ich Dich besuchen und prüfe das.

Bis dahin,
ich liebe Dich. Du bist ein Teil von mir und das wird sich niemals wieder ändern.

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Discussion about this post

  1. Philipp sagt:

    Mein aufrichtiges Beileid Timo. 😞 Du wirst niemals ohne deine Mama sein, Sie ist jetzt nur an einem anderen, besseren Ort. Was bleibt ist die Liebe und die Erinnerung. Ich wünsche dir viel Kraft.

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